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Lexikon der Angst

Hardcover; Autor: Pehnt, Annette

Die Angst ist ein Alleskönner, deshalb kennt sie jeder: Sie lähmt uns, sie hält uns den Spiegel vor, sie frisst uns auf, und sie befeuert uns. Dabei nimmt sie jede nur erdenkliche Gestalt an,...
Wichtige Produktinformationen

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Artikelnummer: 100107088

Die Angst ist ein Alleskönner, deshalb kennt sie jeder: Sie lähmt uns, sie hält uns den Spiegel vor, sie frisst uns auf, und sie befeuert uns. Dabei nimmt sie jede nur erdenkliche Gestalt an, lauert uns auf oder schlägt uns in die Magengrube. Annette Pehnt hat sie beobachtet und belauscht, sie kennt die Angst von A bis Z: Mit schriftstellerischer Leidenschaft nimmt sie alles auf in ihr "Lexikon der Angst", was das Leben zu bieten hat - von der Existenzangst bis zur Todesangst. Und in kurzen Geschichten lesen wir von leisen, lächerlichen, bestürzenden Momenten der Angst zwischen Müttern und Kindern, der Angst vor Tsunamis, der Finanzkrise und, natürlich, Fahrstühlen, Hunden und Einsamkeit.
Text Review

"Die ganze Palette menschlicher Angst-Entfaltung kommt in diesem Lexikon zu Wort - verstörend, bisweilen amüsant, erschreckend und mit Wiedererkennungswert.", Nürnberger Nachrichten, 30.11.2013 20151120


Autor(en)

Pehnt, Annette


Erscheinungsdatum

02.10.2013


Abmessungen

(H) 0,19 (B) 0.12 (T) 0.02


Gewicht in Gramm

268 gr


Seitenzahl

176


Herausgeber

Piper


Sprache

Deutsch


Ausschnitt

A AalEin Glas Milch ist eine Mahlzeit, hat schon die Großmutter behauptet. Deswegen gab es Milch nicht zum Essen, denn eine Mahlzeit genügt. Am Nachmittag, wenn sie vom Spielen kam, die Rufe der anderen Kinder noch in der dämmrigen Luft, wusch sich die Großmutter die Hände, wischte sie an der Schürze ab und stellte ein frisch gespültes Glas vor sie auf den Tisch. Jetzt ist es Zeit, sagte die Großmutter, du hast Hunger. Es war keine Frage, sie wusste es. Sie nickte und schaute zur Großmutter hoch, die mit beinahe feierlich zusammengepressten Lippen die Milchflasche öffnete und das Glas voll schenkte und neben ihr stehen blieb, die Hände in die Hüften gestemmt, während sie beide Hände um das Glas schloss, es an ihre Lippen hob und es in kleinen Schlucken leerte. Danach war sie satt bis zum Abend, weil Milch eine Mahlzeit ist, bläulich schimmernd im Glas, eine weiße Schliere über der Lippe. Später waren sie in den Herbstferien in Venedig, ohne die Großmutter, die nun in einem Heim lebte und keine Schürze mehr brauchte, weil sie im Heim vollständig verpflegt wurde, und sahen im Seitenschiff einer Barockkirche ein Bild mit einer üppigen Maria. Das Jesuskind zupfte mit prallen Fingern an ihrer Brust, aus deren Brustwarze ein gelblicher Milchtropfen quoll, und sie war, während ihre Eltern peinlich berührt und leicht angewidert den Blick von Marias tropfender Brust nicht lösen konnten, nicht überrascht. Auch das Jesuskind brauchte eine Mahlzeit. Die Milch, die sie nun zu Hause im Kühlschrank hatten, war in Plastikschläuche abgefüllt. Man musste den Schlauch, der kühl und prall war und von alleine nicht stehen konnte, in einen Plastikhalter zwängen, der Schlauch bäumte sich auf wie ein fetter Aal, ein ungebärdiger Körperteil oder eine riesige Made. Mit der Schere musste man ihm eine Ecke abschneiden, aus der sofort Milch schwappte, als hätte der Schlauch es gar nicht erwarten können. Sie trank nun Milch auch im Kaffee und im Tee. Später zog sie aus und mochte plötzlich keine Milch mehr. Sie aß unregelmäßig, kam oft spät in ihre Wohnung und trank dann lieber ein Glas Wein, morgens reichte es oft nicht zum Frühstück, sie machte sich schnell einen Espresso und kaufte auf dem Weg zur Straßenbahn ein Croissant auf die Hand. Trotzdem hatte sie meistens eine Flasche Milch im Kühlschrank, die nach einer Weile versauerte und ihr käsig entgegenstank, wenn sie vorsichtig den Verschluss aufschraubte. Wenn sie Kinder hätte, dachte sie manchmal, während sie im Supermarkt an der Kühltheke vorbeischob, müsste sie mehr Milch kaufen, die gut für die Knochen ist und warm mit Honig auch gut gegen Halsweh. Dann saß sie irgendwann abends allein am Küchentisch und lauschte. Aus der Nachbarwohnung hörte sie schwaches Fernsehwimmern, unten auf der Straße bellte ein Hund. Sie spürte Hunger, obwohl sie vorhin noch beim Metzger zwei Frikadellen geholt und sie gleich mit spitzen Fingern gegessen hatte, sie hätte satt sein müssen, durstig war sie auch nicht. Sie stand auf, holte die Milchflasche aus dem Kühlschrank und schnupperte daran. Die Milch roch frisch, ein wenig buttrig und ehrlich. Sie schenkte sich ein Glas ein, ein weißer Schwall schäumte ins Glas wie frisch gemolken und stürzte ihr plötzlich ins Gesicht, ein weißer Vogel, und sie konnte nichts mehr sehen. Sie presste die Augen zu, bis sie die Feuchtigkeit spürte, die ihr über die Finger rann und auch schon auf den Boden troff, schnell riss sie die Augen auf und sah eine Milchlache auf dem Tisch, auf den Fliesen, ihre Finger wie kleine Landzungen auf die Tischplatte gestemmt. Sie wich zurück und wischte die Hände unwillkürlich am Pullover ab, obwohl sie keine Schürze trug. Rasch griff sie nach einem Lappen, schleuderte ihn in die Milchlache und schaute, bevor sie alles wegputzte, im Badezimmer ihr Gesicht an. Keine Milchspuren, ein Schreck in den Augen, die Lippen etwas verwischt. Sie atmete langsamer, wusch die Hände und ging


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